DIVSI U9: Kinder in der digitalen Welt

Dürfen Kinder (unbeaufsichtigt) ins Internet? Sollen Eltern ihre Kinder überhaupt ins Internet lassen, sie gar dort hinführen? Wenn ja – ab wann? Wie lange? Und: Was machen Kinder eigentlich im Internet?

Fragen dieser Art stehen immer häufiger im Fokus der aktuellen öffentlichen Diskussion. Wissenschaftlich untermauerte Antworten darauf gibt die hier vorgelegte DIVSI U9-Studie. Die Untersuchung hat Kinder zwischen 3 und 8 Jahren in den Blick genommen. Sie bietet damit eine konsequente Ergänzung der Erkenntnisse aus unserer U25-Studie, die das Verhalten der 9- bis 24-Jährigen in der digitalen Welt und ihre Einstellungen dazu erforscht hat.

Das Besondere dieser Studie liegt darin, dass die Kinder selbst zu Wort kommen – es wurden also nicht nur Eltern, Erzieher und Lehrer befragt. Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit den Experten des renommierten Heidelberger SINUS-Instituts.

Wir wollten wissen,

  • ob, wann und wie Kinder mit digitalen Medien und dem Internet in Berührung kommen,
  • wer sie auf ihrem Weg in diese Welt begleitet,
  • welche Kompetenzen sie dabei erlangen und welche sie benötigen,
  • welche Rolle die Eltern, aber auch Personen und Institutionen außerhalb der Familie spielen,
  • welche Bedeutung Eltern, Erzieher und Lehrer dem Internet für die Zukunft der Kinder beimessen und
  • welche Chancen und Risiken dabei wahrgenommen werden.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis vorneweg: Die Frage nach dem „Ob“ ist in der Praxis abgehakt und realitätsfremd. Kinder bewegen sich bereits autark in der digitalen Welt. Rund 1,2 Millionen 3- bis 8-Jährige sind regelmäßig online. Kinder, die noch nicht lesen und schreiben können, erkennen entsprechende Symbole, die ihnen den Aufruf von Webangeboten ermöglichen.

Generell lässt sich festhalten, dass bei fast allen Kindern ein grundsätzliches Interesse an digitalen Medien besteht. Dabei sind der Zugang zum Internet und die Ausstattung mit Geräten weitgehend unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Einkommensunterschiede haben keinen Einfluss darauf, ob Kinder Spielekonsolen, Smartphones und Computer bzw. Laptops nutzen.

Wird sich künftig also die oft proklamierte Chancengleichheit, deren Förderung der Digitalisierung zugeschrieben wird, voll entfalten?

Die Ergebnisse der Studie lassen hier gleichwohl eher ein Nein vermuten. Denn für die tatsächlichen Startvoraussetzungen in eine Zukunft, in der Vieles nicht ohne Digitales gehen wird, spielt die technische Ausstattung keine entscheidende Rolle.

Digitale Kompetenz gilt längst als zentrale Voraussetzung für soziale Teilhabe. Zukünftig dürfte sich das noch verstärken. Folglich attestieren Eltern und Lehrer dem Internet eine hohe Bedeutung. Sie sind mehrheitlich überzeugt, dass Kinder mit entsprechenden Kompetenzen ausgerüstet werden müssen.

Die U9-Studie zeigt allerdings auch deutlich auf, dass der Bildungsgrad der Eltern ebenso wie ihre digitale Lebenswelt, in der die Kinder sozialisiert werden, maßgeblich ist. Denn wie Kinder mit digitalen Medien konkret umgehen, unterscheidet sich entlang der formalen Bildungsgrade der Eltern. Für Kinder aus Familien mit geringerer formaler Bildung ist das Internet vor allem ein Freizeitmedium. Kinder bildungsnaher Eltern nutzen die vielfältigen digitalen Möglichkeiten deutlich breiter – etwa für Informationssuche und Lernzwecke.

Umso mehr ist die Gesellschaft gefordert, allen Kindern eine qualifizierte Vorbereitung auf die digitalisierte Welt zu vermitteln. Für die Eltern wird dies nicht immer einfach sein. Sie müssen sich erstmals in einer Welt zurecht finden, in der sie zumindest in dieser Hinsicht ihre eigenen Eltern kaum fragen können. Gleichzeitig müssen Schule und Co. Antworten darauf finden, wie sie die rasante Entwicklung sinnvoll begleiten und den Kindern (vor allem solchen, deren familiäres Umfeld dazu nicht im Stande ist) den Weg in eine chancenreiche Zukunft ebnen. Das „Computern“ ist eine der Kulturtechniken, die dafür unabdingbar sind.

Die DIVSI U9-Studie liefert eine Vielzahl von Fakten, die für neue Blickwinkel sorgen und Ansätze zur Entwicklung von geeigneten Maßnahmen liefern können.